Berlin investiert in die digitale Teilhabe von Senioren
Senioren wollen erzählen und fragen. Worum es in einem SilverFriend-Anruf geht – und warum das Land Berlin uns im GründungsBONUS Plus fördert.

Ein Anruf am Nachmittag, zwanzig Minuten. Es geht um Hertha, um die Frage, wann man Tomaten am besten auspflanzt, und darum, dass am Donnerstag im Nachbarschaftstreff jemand Akkordeon spielt. Für einen Menschen, dessen letztes Gespräch beim Frühstück lag, ist das der Unterschied zwischen einem Tag und einem guten Tag.
SilverFriend ist ein täglicher Telefonbegleiter für Senioren. Er ruft an, hört zu, erinnert und erzählt – auf dem Apparat, der ohnehin im Flur steht. Das Land Berlin unterstützt den Aufbau unseres Unternehmens im Programm GründungsBONUS Plus.
Fragen, die im Alltag offenbleiben
In den vergangenen Monaten haben wir vor allem eines gelernt: Senioren wollen erzählen, und sie wollen fragen. Was Jüngere in ein Suchfeld tippen oder heute einer KI wie ChatGPT stellen, stellen sie im Gespräch – laut, in ganzen Sätzen, mit Zwischenfragen. Wann setzt man Tomaten aus? Warum heißt der Molkenmarkt so? Seit wann taucht Berlin eigentlich in den Geschichtsbüchern auf?
Solche Fragen sind mehr als Zeitvertreib. Sie sind der Moment, in dem jemand Interesse an der Welt behält. Im Alltag finden sie allerdings selten ein Gegenüber: Die Tochter ruft am Sonntag an und hat zwanzig Minuten. Der Pflegedienst kommt für die Medikamente. Die Neugier bleibt – und sucht jemanden, der antwortet.
Am häufigsten aber geht es um den eigenen Verein. Wer sechzig Jahre lang mitgefiebert hat, hat Geschichten für Wochen – ein Spiel von 1974 trägt ein ganzes Gespräch.
Der Zugang, den es längst gibt
Für fast jede Lebenslage gibt es heute einen digitalen Zugang: eine Anwendung, ein Portal, ein Konto. Sie alle setzen voraus, dass jemand mit Bildschirmen vertraut ist, ein Konto führt und Aktualisierungen nachvollzieht. Jenseits der achtzig trifft das auf die wenigsten zu.
Die Größenordnung ist bekannt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wohnte 2025 in der Altersgruppe ab 65 Jahren gut jede dritte Person allein, bei den mindestens 85-Jährigen mehr als jede zweite. Und das Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung zeigt, dass Einsamkeit über die Jahre hinweg vor allem Menschen über 75 trifft. Gemessen daran wird für Senioren erstaunlich wenig entwickelt und zur Verfügung gestellt.
Digitale Teilhabe gelingt über den einfachsten Kanal, den es gibt: eine Stimme am Telefon. Wer sprechen kann, kann sie nutzen.
SilverFriend geht deshalb den Weg, den es längst gibt. Das Telefon ist die eine Schnittstelle, die in dieser Altersgruppe praktisch jeder beherrscht: vertrauter Apparat, vertraute Bewegung, vertraute Stimme. Die Familie richtet den Dienst ein; der Senior nimmt ab und redet. Im Lauf der Zeit entsteht im Gespräch ein Bild – Interessen, Gewohnheiten, wiederkehrende Themen, der Name der Enkelin, die Sendung am Donnerstagabend. Daraus werden die nächsten Gespräche.
Was SilverFriend mit der Zeit lernt
Aus diesem Bild wird Vorbereitung. SilverFriend merkt sich, was jemanden beschäftigt, und arbeitet sich in diese Themen ein. Wer gern über den Garten spricht, bekommt Gespräche über den Garten – mit Einzelheiten, die stimmen. Dafür recherchiert SilverFriend im Hintergrund in Datenbanken und auf Webseiten und bereitet die Themen vor, die im nächsten Gespräch vorkommen können.
Dieselbe Kenntnis steuert die Vorschläge für das eigene Viertel. SilverFriend sucht laufend nach aktuellen Veranstaltungen in der Nähe und wählt daraus das aus, was zu dieser einen Person passt: Wer klassische Musik liebt, hört vom Konzert in der Kirche zwei Straßen weiter. Wer gern liest, erfährt von der Lesegruppe im Nachbarschaftshaus. Wer sich für Geschichte interessiert, von der Führung durch die Altstadt am Sonntagvormittag.
Ein Hinweis, der die eigenen Interessen trifft und von jemandem kommt, der einen kennt, wird zur Einladung. Und er wird mit der Zeit genauer: Was jemand annimmt und was er auslässt, fließt in die nächsten Vorschläge ein.
Was Angehörige davon haben
Für Töchter und Söhne, die in Hamburg, München oder Barcelona leben, stellt sich täglich dieselbe Frage: Geht es der Mutter gut? Der Anruf am Sonntag beantwortet sie für den Sonntag.
SilverFriend füllt die Tage dazwischen. Weil jeden Tag telefoniert wird, entsteht ein regelmäßiger Puls: Die Familie sieht, dass das Gespräch stattgefunden hat. Und wenn dabei etwas zur Sprache kommt, das von der Gewohnheit abweicht, kann SilverFriend die Angehörigen darauf hinweisen, damit jemand nachfragen kann, der die Person kennt. Das geschieht mit Wissen und Einverständnis des Seniors, der weiß, dass seine Familie diesen Anruf eingerichtet hat.
Für viele Familien liegt darin die eigentliche Entlastung. Aus Sorge wird Gewissheit – und beim Anruf am Sonntag kann wieder der persönliche Austausch im Mittelpunkt stehen.
Was ein Gespräch am Tag bewirkt
Nachhaltigkeit heißt in unserem Fall Wirkung auf Dauer. Ein regelmäßiges Gespräch hält in Übung, was ein Gegenüber braucht: Sprache, Erinnerung, Aufmerksamkeit, die Lust, den eigenen Tag zu erzählen. Wer täglich zwanzig Minuten formuliert, nachfragt und widerspricht, bleibt geistig beweglich.
Der zweite Teil der Wirkung liegt außerhalb des Telefonats. Ein Anruf, nach dem jemand am Mittwoch wieder zum Nachbarschaftstreff geht, den Spaziergang mit der Bekannten von gegenüber aufnimmt oder den Sohn anruft, verändert mehr als das Gespräch selbst.
Darin liegt der gesellschaftliche Teil des Vorhabens. Menschen bleiben länger selbstständig, bleiben Teil ihrer Nachbarschaft, und die Unterstützung, die sie irgendwann brauchen, setzt später ein. Für die Betroffenen ist das ein Gewinn an Leben. Für die Systeme, die sie versorgen, ist es der ressourcenschonendere Weg.
Vertrauen ist die Bedingung
Wir arbeiten mit dem, was jemand an einem Nachmittag erzählt, wenn sonst niemand da ist. Das sind die vertraulichsten Daten, die es gibt. Datensparsamkeit, klare Löschfristen, Verschlüsselung und europäische Datenhaltung sind für uns deshalb die Bedingung, unter der dieser Dienst überhaupt existieren darf.
SilverFriend ist dabei transparent und sagt von sich, dass er ein KI-Telefonbegleiter ist. Und er führt zu Töchtern, Söhnen, Nachbarn und Freunden hin: Menschlicher Kontakt bleibt das Ziel, SilverFriend hält den Weg dorthin offen.
Was in Berlin entsteht
SilverFriend entsteht in Berlin, und das bleibt so. Die Nähe hilft dabei mehr, als es zunächst klingt: Die Nachbarschaftshäuser, Seniorentreffs und Beratungsstellen, deren Veranstaltungen in unseren Gesprächen vorkommen, liegen in derselben Stadt wie die Büros, in denen wir arbeiten. Wer etwas für Senioren entwickelt, sollte die Orte kennen, die er vorschlägt.
Der GründungsBONUS Plus
Gefördert werden im GründungsBONUS Plus Gründungsvorhaben auf Basis von technologischen, digitalen, kreativen oder besonders nachhaltigen Geschäftsmodellen. Das Programm ist eine Initiative der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe und wird von der IBB Business Team GmbH durchgeführt. Es richtet sich an junge Unternehmen mit Sitz und Geschäftsbetrieb in Berlin.
Eine Klarstellung trifft das Programm dabei ausdrücklich: „Ein anspruchsvoller technologischer Innovationsgrad ist dabei ausdrücklich keine Bedingung.“ Gefragt ist, wofür etwas entwickelt wird. Für ein Vorhaben wie unseres ist das der entscheidende Satz: Die Technik hinter SilverFriend bleibt Mittel, der Zweck ist, dass ein Mensch am Nachmittag jemanden hat, mit dem er über Tomaten reden kann.
Damit fördert das Land Berlin gezielt Unternehmen, die hier gegründet werden und hier bleiben – Wirtschaftsförderung, die den Standort und die Unternehmen zugleich stärkt. Wir danken dem Förderausschuss und dem Team der IBB Business Team GmbH für die sorgfältige Prüfung unseres Antrags und für einen Vorschuss an Vertrauen, den wir einzulösen vorhaben.
Wo wir gerade stehen
SilverFriend steht kurz vor dem Start. Der Dienst wird derzeit mit einer kleinen Zahl von Familien erprobt, die ihn täglich nutzen – die Gespräche, von denen dieser Text erzählt, finden also bereits statt. In den kommenden Wochen öffnen wir ihn für alle, die ihn für ihre Eltern oder Großeltern einrichten möchten.
Förderhinweis
SilverFriend wird im Rahmen des Programms GründungsBONUS Plus der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, durchgeführt von der IBB Business Team GmbH, gefördert.
Quellen
- Statistisches Bundesamt (Destatis): „17,3 Millionen Menschen in Deutschland leben allein“, Pressemitteilung Nr. N041 vom 24. Juni 2026. Quelle
- Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: „Einsamkeitsbarometer 2024 – Langzeitentwicklung von Einsamkeit in Deutschland“. Quelle
- IBB Business Team GmbH: Programmseite GründungsBONUS Plus. Quelle
